Sebastian Deisler legt seinen Abschlussbericht vor

2. November 2009 von Marco Glas

Sebastian DeislerEr galt als Jahrhunderttalent, als Hoffnung des Deutschen Fußballs. Bereits mit 15 Jahren wird Sebastian Deisler in die Jugendnational- mannschaft berufen. Drei Jahre später bestreitet der Jungprofi sein erstes Bundes- ligaspiel für Borussia Mönchengladbach. Deisler spielt sich mit viel Talent, Leidenschaft und Traumtoren in die Herzen der Fans. Die Boulevardpresse spricht von “Basti Fantasti” und auch die Fußballexperten nennen ihn in einem Atemzug mit Weltstars wie Ronaldinho und Zidane. Nachdem er 1999 zu Hertha BSC nach Berlin wechselt, sprengt der Rummel um seine Person alle Grenzen. Doch während sich andere Fußballprofis im Scheinwerferlicht sonnen und dem Glamour hingeben, machen Deisler die Nebenwirkungen des Fußballs immer mehr zu schaffen.

Die Schattenseiten des Fußballs

“Ich war todtraurig. Ich habe gegen meine Natur gelebt”, erinnert sich Deisler in einem kürzlich erschienenen “Zeit”-Interview. Vor der Tür steht ein dickes Auto, am Handgelenk funkelt eine teure Uhr und jede Menge Frauen brennen darauf, den Wunderkicker kennenzulernen. Deisler spielt mit, aber nichts davon macht ihn glücklich. Was ihn antreibt, ist die Freude am Spiel. Aber auch auf dem Platz muss er viele Enttäuschungen und Rückschläge wegstecken – 1999 erleidet Deisler gleich mehrere Verletzungen.

Er kämpft sich zurück ins Spiel. Im Februar 2001 läuft er sogar erstmals im Trikot der Deutschen Fußballnationalmannschaft auf. Bei den Trainern vieler großer Vereine Europas steht er längst auf dem Wunschzettel. Deisler entscheidet sich im Sommer 2001 für den FC Bayern München. Davor gilt es aber erst mal, seinen Vertrag bei Herta BSC bis zum Frühjahr 2002 zu erfüllen. Nachdem die Bildzeitung im Oktober 2001 von dem Wechsel Wind bekommt und in aufsehenerregender Weise über “Millionen-Deisler” berichtet, schlägt die Liebe vieler Fans in Hass um.

“Was mit den Fußball versaut hat”

Daisler spricht im “Zeit”-Interview davon, dass das sein persönlicher Genickschuss war. “Ich habe Drohbriefe erhalten. Und der Verein forderte eine Entschuldigung von mir. Dafür, dass ich die Fans nicht früher informiert hätte! Ich war sprachlos. Dabei hätte Dieter Hoeneß sagen müssen: Liebe Fans, es war mein Wunsch, dass ihr nichts erfahrt. Das ist es, was mir den Fußball versaut hat.” Während die Berliner Öffentlichkeit über ihn herfällt, wird Daisler bereits in den USA an seiner nächsten schweren Verletzung, einem Kapselriss im rechten Knie, operiert.

Schreiben als Therapie

Die ersten Monate in München ist er verletzt und kann sein hohes Gehalt auf dem Platz nicht zurückzahlen. Auch später plagen Deisler immer wieder schwere Verletzungen. Ende 2003 macht er seinen Ängste und Depressionen erstmals öffentlich. Am 16. Januar 2007 erklärt er nach mehreren Gesprächen mit Bayern Manager Uli Hoeneß schließlich seinen Rücktritt. Seitdem war über Deisler in den Medien kaum etwas zu lesen. Nach fast drei Jahren des Schweigens meldet er sich mit einem Buch zurück. “Sebastin Deisler: Zurück ins Leben – Die Geschichte eines Fußballspielers” soll aber keine Rückkehr in die Öffentlichkeit, sondern ein Abschlussbericht sein, wie er im “Zeit”-Interview verrät. Die Arbeit am Buch beschreibt Deisler als eine Teil seiner Therapie, einen wichtigen Prozess, um die Vergangenheit zu ordnen.

Uns haben die Interviews, die Sebastian Deisler in den vergangenen Wochen in Verbindung mit der Neuerscheinung seines Buches gegeben hat, neugierig gemacht. Dass Fußball heute ein Multimillionen-Geschäft ist, ist bekannt. Nach welchen Regeln außerhalb des Platzes gespielt wird, lässt sich für viele Fußballfans höchstens erahnen. Deislers Abschlussbericht kann hier vielleicht interessante Einblicke geben.

Weitere Buch-Tipps der paperdogs-Redaktion:

Posted in Leben, Medien

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.


 Subscribe in a reader